Kategorie: Inner Game
The Past is History. Vom Zupacken und Loslassen.
24. Oktober 2008

The past is history, the future is a mystery. The moment is a gift, that’s why we call it present.
Ich weiß nicht, was ich falsch gemacht habe. Immer passiert mir dasselbe, sagt Sabine und schnieft. Und dabei dachte ich diesmal, es könnte klappen, ich will doch nur eine Beziehung führen! Ganz normal!
Am anderen Ende der Leitung ist es verdächtig still. Nadine seufzt. Gestern hat Uwe gesagt, er will nicht mehr, das ist alles nicht das, was er gerade braucht, und jetzt ist Sabine ein Häufchen Elend. Spontan hat sie vergessen, was sie Nadine über Uwe in den letzten Wochen so alles erzählt hat. Wie unzuverlässig er ist. Dass er sich nie meldet. Dass sie eigentlich gar nicht die Beziehung wollte, sondern er, dass sie sich drauf eingelassen hat, weil sie sich so wohl fühlt, wenn sie jemanden an ihrer Seite hat, es einfach schöner ist zu zweit …
… und jetzt das. Uwe hat nur das getan, worüber Sabine in den vier Monaten, die die beiden zusammen verbracht haben, ständig geredet hat. Dass es nett ist, aber mehr nicht. Nichts für die Ewigkeit. Vielleicht nichtmal für’s nächste Jahr.
Und jetzt? Alles wie weggewischt. Eine Sache, über die sie wegkommen muss.
Aber warum eigentlich?
Wie kommt es, dass wir uns viel schwerer von etwas trennen können, was uns nicht gefallen hat, wenn wir die Entscheidung nicht selbst getroffen haben?
Ein bisschen so, wie wenn man den hässlichen Regenschirm verliert, den einem Tante Gisela geschenkt hat. Und sich dann ärgert. Nicht, weil man nass wurde, nein nein, es scheint ja plötzlich die Sonne – sondern weil es weg ist, das hässliche Mistding. Und ein Verlust ist ein Verlust und fühlt sich so an, egal wie ungeliebt das verlorene Objekt schon war.
Uwe ist also Sabines Regenschirm, und dass er weg ist, fühlt sich scheußlich an. Scheußlicher als die Samstagnachmittage im Ungewissen, immer mit einem Ohr beim SMS-Ton, immer mit halber Aufmerksamkeit beim Fernsehen, weil sich die andere Hälfte über sich selbst ärgern muss, dass sie sowas mit sich machen lässt.
Uwe ist weg, und das Schlimme ist: Er ist selbst gegangen.
Dabei ist die Vergangenheit eine völlig virtuelle Angelegenheit. Was passiert ist, ist schon vorbei. Es ist nicht zu ändern, man kann es nicht wiederholen, man kann es nur ansehen und sagen: Aha, so war das also.
Der Trick ist, dann weiterzumachen. Mit dem Moment.
Natürlich schadet es nicht, sich zwischendurch mal ein paar Gedanken zu machen, wie man überhaupt dahin gekommen ist, wo man jetzt ist. Ganz objektiv – was ist da nochmal passiert? Und wo habe ich aus Gründen gehandelt, die ich vor mir selbst ganz gut geheimgehalten habe? Aber es macht nicht viel Sinn, noch monatelang oder jahrelang Fotos und Erinnerungsstücke anzusehen, nur sich um den Verlust wieder präsent zu machen, um zu spüren, dass da etwas nicht mehr ist, was mal da war. Erinnerungen sind trügerische Miststücke, sie fühlen sich ganz anders an als die Ereignisse, deren Abbilder sie sein sollten.
Sabine und Uwe hatten vier Monate, und jetzt verbringt sie die nächsten vier Wochen damit, über ihn nachzudenken. Sieht sich die Bilder im StudiVZ an, unter denen Schaaatz und Ich hab dich lieb stehen. Dann weint sie ein bisschen. Nicht so sehr, weil Uwe ihr fehlt – eigentlich vermisst sie gar nicht so recht ihn (obwohl sie das nie offen zugeben würde), sondern die Gedanken an ihre mögliche gemeinsame Zukunft, die sie damals hatte.
In der fünften Woche findet sie eins seiner T-Shirts in ihrem Schrank. Der Schreck ist groß und das Ding wandert erstmal in die Wäschetonne. Wo es ein paar Tage bleibt. Soll sie es ihm vorbeibringen? Soll sie es waschen und selber tragen? Will sie sich überhaupt so genau erinnern?
Am Ende von Woche fünf holt sie das Ding wieder hervor, sieht es sich nochmal genau an. Eigentlich ist es nur ein Stück Stoff. Eigentlich nichts, worüber man nachdenken müsste. Eigentlich war es ganz nett mit Uwe, aber heute hat Karl sie gefragt, ob sie mit zum Karaoke will … Und warum eigentlich nicht? Denkt sie und wirft das Ding in die Tonne. In die Mülltonne, nicht die für die Wäsche.
Mal sehen, was der Abend bringt.
Esperame.
















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24. Oktober 2008 um 16:35
“Erinnerungen sind trügerische Miststücke, sie fühlen sich ganz anders an als die Ereignisse, deren Abbilder sie sein sollten.”
Sehr schöner Satz
24. Oktober 2008 um 16:41
Schließ mich dem Vorredner an: Ein wunderbarer Satz und auch sonst,wie immer, sehr ansprechend geschrieben.
25. Oktober 2008 um 07:35
Hey ihr Beiden.
Ich wollte euch nur sagen, dass euer Blog mich mehr bereichert, als jedes PU-Forum.
Vielen Dank, dass ihr uns eure Gedanken mitteilt.
lg
Philipp
25. Oktober 2008 um 13:55
Meine Vorredner haben alles nötige gesagt. Den Satz über die Erinnerungen hätte man nicht besser formulieren können. Die Berichte sind durchgehend qualitativ sehr gut. Weiter so!
25. Oktober 2008 um 16:50
Schwesperame, einer deiner besten Artikel! Erinnerungen sind oft goldener als sie glänzen. Dass dies natürlich auch biologische Hintergründe hat, brauche ich nicht zu erwähnen…
In diesem Sinne: Back to the future!
Schwester Bride
28. Dezember 2008 um 16:02
Wahr ist auch, dass man es dem anderen übel nimmt, wenn er genau das tut, was man eigentlich eh schon immer vorhatte, es aber irgentwie doch nicht getan hat. Nach einer Trennung werde ich immer total sentimental und wünsche mir, dass er anruft oder kommt oder was auch immer und dann alles wieder gut wird, nur mit dem Fehler, dass meistens vorher auch nicht alles gut war, häufig war es eben auch schon nix und gut gegangen wäre es auch nie, aber man braucht eine Zeit bis man sich wieder daran erinnert. Sehr schöner Text, es hat mich gefreut ihn zu lesen.