Kategorie: Dogtown, Outer Game - Dogtown

Karl sitzt neben Sabine und hilft ihr bei ihren Computerproblemen. Eigentlich müsste er unbedingt mal aufstehen, sein linkes Bein ist eingeschlafen, und das schon seit einer halben Stunde. Das Problem nur: In dem Moment, wo er aufstehen, sich strecken würde, bekäme Sabine zu sehen, was Karl ein bisschen peinlich ist. Seine Erektion. Auch schon seit einer halben Stunde.

Sabine … sie riecht so gut. Und ihre Haare … eigentlich würde er die gerne mal anfassen. Und wie sie sich so konzentriert durch die Menüs klickt, muss er immer auf den BH-Träger schauen, der ihr von der Schulter gerutscht ist … Schluss jetzt. Krieg, Seuchen, Pest, Cholera, Geburtstag von Tante Gisela … Es hilft alles nichts. Er ist gefangen. Zwischen Sabineverehrung, Erektion und eingeschlafenem Bein.

Eine ausweglose Situation?

Sabine ihrerseits fragt sich nämlich seit einer guten Stunde, was sie hier eigentlich machen. Ihr Computer hatte bis heute Nachmittag hervorragend funktioniert, erst seit sie beherzt ein paar wichtige Dateien gelöscht hat, hatte sie einen guten Grund, Karl aus dem Seminar anzurufen. Und jetzt sitzen sie hier und … genau. Und nichts. Vielleicht interessiert er sich nur für Computer. Vielleicht hat er eine Freundin … vielleicht findet er sie unattraktiv. Das wird es sein. Er steht einfach nicht auf sie, will nur nett sein.
Oder sollte sie doch? Hm … einfach mal ihre Hand auf sein Bein? Und wenn er sie dann aufdringlich findet? Nein, sowas macht sie nicht.

Es gibt eine ganz einfache Regel, was den richtigen Zeitpunkt angeht.
Er war ungefähr vor 10 Minuten.

Jetzt fragst du natürlich: Aber wooooher weiß ich denn, ob sie das auch will?

Es könnte doch sein, dass sie ihre nackten Füße nur auf meinen Schoß gelegt hat, weil ihr kalt ist?
Es könnte doch sein, dass sie hier in Unterwäsche neben mir im Bett schläft, weil sie nett sein will und mir einen Schlafplatz anbietet?
Es könnte doch sein, dass wir hier seit 2 Stunden zusammen auf der Bank sitzen, weil zuhause noch eine Menge Hausarbeit auf sie wartet?
Es könnte doch sein, dass sie mich morgens um 3 anruft, weil sie jemanden zum reden braucht?
Es könnte doch, es könnte doch?

Nein, könnte es nicht.
Und wenn, wirst du es herausfinden. Indem du es ausprobierst.

Aber, sagst du jetzt, Sabine könnte doch auch was tun? Wieso küsst sie denn den Karl nicht einfach? Also, ICH wäre froh, wenn eine Frau mal den ersten Schritt macht!

Genau, mein Junge, und da liegt der Hund begraben.
Wärst du nicht froh, sondern eigentlich bereit, es selbst zu tun, und würde es sich einfach so ergeben, dass sie es tut, weil es in dem Moment egal ist, weil es klar ist, dass es gleich passieren wird … dann wäre auch nichts dabei.
Aber: so ist es ja nicht.
Du wärst froh, weil du nicht den Mumm hast, es selbst zu tun.
Damit nimmst du dir selbst aber einen wichtigen Part – nämlich den, die Richtung vorzugeben. Gleichzeitig gibst du ihr die Zügel in die Hand, obwohl sie das Pferd gar nicht führen will.

Wenn Sabine Karl küsst, wird sie nie herausfinden, ob er den Mut gehabt hätte, es selbst zu tun. Das wird ihrer Sicht seiner Männlichkeit empfindlich Abbruch tun – und das wird Karl vielleicht nicht heute merken, nicht in den ersten drei Monaten, vielleicht nichtmal im ersten Jahr. Aber irgendwann wird es sich schleichend bemerkbar machen … dass Sabine eigentlich denkt, er hat’s nicht drauf. Schließlich musste ja sogar sie ihn küssen, sonst wäre nie was passiert!

Doch so weit kommt es nicht.
Sabine, immer noch neben Karl am Schreibtisch, immer noch zweifelnd, was sie hier tun, fasst einen letzten, rettenden Plan. Ihre Augen, sagt sie und steht auf, tun schon richtig weh vom langen Bildschirmarbeiten … und ob er auch einen Tee mag? Sie geht in die Küche, kommt kurze Zeit später mit zwei Tassen wieder und setzt sich aufs Sofa.

Karl, froh endlich aus seiner misslichen Lage entkommen zu können, kommt von der Toilette zurück. Sieht sie da auf dem Sofa sitzen, neben ihr ein Platz frei. Zwei Tassen. Ein Platz. Sie fände das jetzt sicher aufdringlich, wenn er sich so direkt neben sie … ? Lieber nicht. Lieber Gentleman sein, denkt er, nimmt eine Tasse und setzt sich auf den Schreibtischstuhl.

Mit einem Seufzer trinkt Sabine ihre Tasse aus und sagt: Ich glaube, ich muss jetzt dann auch los zum Yoga. Nett, dass du mir geholfen hast, man sieht sich in der Uni!
Und eine Woche später ist sie mit Uwe zusammen, der im Wohnheim die Parties veranstaltet, und Freitagnacht einfach an ihrer Tür geklopft hat.

Das nennt man dann wohl Selektion.

Esperame.


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13 Kommentare to “♂ | Warten auf Godot. Oder: Was tun, wenn sich nichts tut?”

  1. Cornelius hat kommentiert:

    das ist super!
    so hab ichs lange lange zeit auhc gemacht!
    aber na ja, wer nicht kämpft hat schon verloren.

    den text sollte man an schulen aushängen, oder auf männerklos xD

    lg und schönes wocheende ihr beiden!

    lg
    Cornelius

  2. Kristian hat kommentiert:

    Ich will mal ehrlich sein: manchmal seh ich das selber auch nicht oder ich wills nicht sehen… Ich übe mich aber ein wenig darin schon ;)

  3. Daniel hat kommentiert:

    Ich kenne das Problem leider viel zu gut… aber es ist auch mal interessant die Gedankengänge von einer Frau in so einer Situation zu hören.

    Das Problem mit dem küssen ist eigentlich immer eins der größten muss ich sagen.

    Aber wenn eine Frau dich küsst, dann bist du trotzdem der verlierer… weil du weißt das sie fähig ist noch 100 andere Jungs auf diese weise zu küssen, du aber nicht mit anderen Frauen.

    Also… überwindung ist schwer aber sie muss getan werden sonst führt das ins nichts…

  4. latino hat kommentiert:

    “Er ist gefangen. Zwischen Sabineverehrung, Erektion und eingeschlafenem Bein.” – Schöner Schreibstil. Ich musste lachen :-)

  5. hm hat kommentiert:

    Naja, ich denke da immer, sie nimmt einfach den erstbesten, der sich getraut sie zu küssen.

    Naja, nicht mein Geschmack.

  6. McLaine hat kommentiert:

    “# hm hat kommentiert:
    Naja, ich denke da immer, sie nimmt einfach den erstbesten, der sich getraut sie zu küssen.

    Naja, nicht mein Geschmack.”

    hm, bist du noch Jungfrau? ;)

    @esperame: sehr schöner Artikel!

  7. Grissu hat kommentiert:

    Hallo esperame,

    mich hat dieser Artikel sehr amüsiert, obwohl es ja eigentlich traurig ist, wie oft zwei dasselbe wollen und dann doch nicht zueinander finden.

    Ich möchte aber auch mal zwei Sachen zu bedenken geben.

    Gerade wenn ich Euren blog lese oder auch Eure Artikel im Forum, habe ich oft den Eindruck, jeder Mann müßte sofort auf Euch (Frauen) anspringen. Es gab und gibt Frauen, denen es grundsätzlich an Attraktivität fehlt und auch wir Männer schieben Frauen aufs LJBF-Gleis, wenn auch meistens nicht so deutlich.

    Zum zweiten sind die obigen Beispiele zwar so, wie ihr sie geschrieben habt, recht eindeutig, aber leider birgt z.B. “Es könnte doch sein, dass sie hier in Unterwäsche neben mir im Bett schläft, weil sie nett sein will und mir einen Schlafplatz anbietet?” ein nicht zu verachtendes Risiko. Ich könnte dir ein Beispiel aus meiner Jugend erzählen, da stehen mir noch heute, wenn ich daran denke, die Haare zu Berge.

    Und wenn ich mich wiederhole, irgendwo spielen immer beide Seiten ihren Part. Und wenn die Frau sich so passiv verhält, wie die Sabine oben, dann darf sie sich nicht wundern, wenn Karl nichts macht. Die meisten Männer sind halt keine Naturals oder haben je von PU gehört.

    Gruß
    Grissu

  8. annaprinzip hat kommentiert:

    @Grissu:

    Ich melde mich jetzt auch mal zu Wort.
    Das mit der Unterwäsche und dem Bett. Ich enthülle: Mein Leben. Zumindest ein paar Stunden aus eben diesem.
    Ich denke, ich kann da auch für esperame sprechen, wenn ich sage, dass wir den Herren der Schöpfung schon sehr klar zu verstehen geben, was wir wollen…gemeinhin auch AIs (Approach Invitations) oder IOIs (Indicator of Interests) genannt. Bei meinem Beispiel war es im Übrigen so, dass ich mit dem Herrn um eine Massage gewettet habe, die er mir hätte geben müssen. Zu Hause. Allein. Nachts. In Unterwäsche. Entschuldige, was will man da mehr? Dem vorangegangen sind auch etliche Berührungen, Kino vom feinsten, von beiden Seiten… Also da hätte selbst Mutter Theresa nicht gütiger sein können als ich.

    Ich verstehe, was du meinst, aber ich bin der Meinung:
    Lieber einmal zu viel eskaliert als einmal zu wenig, oder? ;-)

    Liebe Grüße and keep on first-stepping,
    Bride

  9. Grissu hat kommentiert:

    Hallo bride,

    so steht es aber nicht oben im blog. Wenn ein Mann nicht auf eindeutige AIs oder IOIs reagiert, gibt es mehrere Möglichkeiten. Er ist nicht an Frauen interessiert, er ist nicht an dieser Frau interessiert, er ist nicht in Stimmung ;) oder er ist ein Waschlappen.

    Grundsätzlich gebe ich Euch recht. Selbstverständlich sollte ein Mann, wenn er halbwegs Eier in der Hose hat, versuchen zu eskalieren und so wie Du das Beispiel jetzt erweitert hast, würde ich, falls ich Dich attraktiv finden würde, Dich nach allen Regeln der Kunst verführen.

    Was ich nur zu bedenken geben wollte, dass es von unser Seite (der der Männer) eben auch Situationen gibt, bei denen man ins Grübeln kommt oder wo man aufgrund seiner Erlebnisse in der Vergangenheit lieber mal etwas vorsichtiger reagiert.

    Auch dir liebe Grüße und ich freu mich schon auf Euren nächsten Artikel
    Grissu

  10. dina_kahlo hat kommentiert:

    *lol* Köstlich, zum schmunzeln aber so wahr!
    Weiter so!

    Dina

  11. Steve hat kommentiert:

    Perfekt beschrieben! Kenne diese Situation genau, hätte bis vor ein paar Jahren ich sein können. *g*

  12. TryMe hat kommentiert:

    “I think the existential dilemma is: We’re social animals, so we all wrestle with a sense of inadequacy. But when we realize that we’re not as inadequate as we thought we were, and when we realize that everybody else also thinks they’re inadequate, then that ache goes away and the idea that were not a person of value disappears to some extent.” – Eric Weber

    Mit diesem Zitat eingeleitet moechte ich darauf hinweisen, dass so ziemlich alle Menschen Selbstzweifel ihr Eigen nennen. In unterschiedlichen Lebensbereichen und da springt der Punkt!
    Wir kommen nicht erfahren auf die Welt und wer in etwas wenig oder schlechte Erfahrungen gemacht hat, wird bei diesem Thema aengstlich. Nicht zu verwechseln mit vorsichtig, das waere wesentlich undramatischer.
    Der Punkt hier ist, dass ein Mann kein Weichei ist, wenn er es nicht gebracht hat die Frau zuerst zu kuessen. Das ist oberflaechlich pauschalisiert und damit eine aeusserst unreife Bewertung.

    Im uebrigen sind AIs und IOIs fuer viele nicht genug zur Ueberzeugung, stehen oft im Widerspruch zu anderen Handlungen, oder sind einfach so sehr unter dem Radar, dass ein Mann ohne Pickuperfahrung sie nicht erkennt.

    Fuer die meisten Menschen ist Sex nicht alles und ihr Leben gibt wesentlich mehr her, als umfangreiche Erfahrung und ein massives Selbstbewusstsein in Sachen Partnerfindung. Der Fokus liegt gemeinhin auf dem Glueck, oder, um konkreter zu sein, auf happiness.
    Das Ziel eint uns, den Weg waehlt jeder selbst. Das macht uns so unglaublich interessant (-;

  13. JD19 hat kommentiert:

    Einfach super geschrieben.

    Ich glaub das hatten wir früher alle mal als Typen ;)

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