Kategorie: Inner Game

Ich hasse dieses Hürdenlaufen.
Du musst losrennen, wenn der Startschuss kommt, du musst jedes Hindernis in der vorgeschriebenen Art und Weise nehmen, sonst wirst du disqualifiziert. Und wenn du im Ziel bist, tun dir alle Knochen weh. Und dann geht der ganze Mist von vorne los.

Aber du kannst nicht nebenher gehen – alle springen und keuchen und du schlenderst neben der Bahn? Geht nicht, weißte selbst.

Ja, ich weiß. Du stellst dich an die Ziellinie, bevor es überhaupt losgeht und sagst ganz entspannt „ich bin schon da” … das wäre so einfach. Aber mehr als ausgelacht wirst du dafür nicht. Die Läufer bleiben unter sich. Es muss Blut, Schweiß und Tränen kosten, sonst gilt es nicht.

So ist das, so lang du dich im Stadion befindest, musst du auch mitspielen.

Und was wäre, wenn ich das Stadion einfach verlasse?

Wer weiß das schon …

Wenn ich einfach durch das Tor nach draußen gehe? Mich auf eine Wiese setze und die ganze Lauferei sein lasse?

Dann kann es passieren, dass du da eine ganze Weile alleine sitzt.

Es kann aber auch passieren, dass jemand vorbei kommt und sich zu mir setzt, oder?

Ja. Natürlich. Aber du musst dir darüber klar sein, dass es nicht viele gibt, die den Weg nach draußen finden. Es bringt nichts, wenn du auf der Wiese sitzt, aber immer durch den Eingang ins Stadion guckst, um zu sehen, was da passiert. Wenn du das machst, bist du nicht reif für die Wiese …
Reif für die Wiese sein bedeutet, dass du glücklich damit bist, da zu sitzen. Dass du nicht an das Ziel denkst, oder in Gedanken schon beim nächsten Start bist, oder den letzten noch nicht vergessen hast. Dass du die schmerzenden Knochen nicht brauchst, um zu wissen, dass du es getan hast. Dass du nicht außer Atem kommen musst, dass du nicht mit anderen konkurrieren muss, um zu wissen, dass du es geschafft hast.
Es bedeutet, einfach den Moment zu lieben, wenn dir die Sonne ins Gesicht scheint und die Vögel singen, und die Blumen blühen. Und auch den Moment zu lieben, wenn die Wolken aufziehen und du mal richtig nass geregnet wirst – weil du weißt, der nächste trockene Tag kommt bestimmt.
Und wenn du so im Gras liegst und in den Himmel guckst und auf einem Grashalm kaust und die Wolken ziehen über dir so dahin … dann kann es sein, dass sich jemand dazu setzt, und vielleicht eine Weile bleibt und mit dir in die Wolken guckt. Jemand, der nach draußen gefunden hat.

Weißt du, das klingt gut. Vielleicht suche ich mal den Ausgang …. vielleicht nach dem nächsten Rennen.

Ja, vielleicht.


Esperame.

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7 Kommentare to “Kein Start, kein Ziel. Nur einhundert Prozent.”

  1. TomBoy hat kommentiert:

    Eine sehr schöne Metapher Esperame!
    Weiter so…

  2. Hansi mit und aus H hat kommentiert:

    schön sowas zu lesen
    schiebt meine nase ein wenig richtung
    actio reactio

  3. miedziana hat kommentiert:

    Toller Text! Kann ich mich sehr gut reinempfinden.

  4. Kitejunkie hat kommentiert:

    Ganz Toll geschrieben.
    Enlightenment is now :-)

  5. Rob ert hat kommentiert:

    Da kennt also Frau auch solche Phasen!?

  6. Mitch hat kommentiert:

    Wow.
    Gefällt mir gut, nur muss man wirklich erst einmal Blut schmecken.
    Trotzdem macht es auch am Anfang einer Karriere auf der Wiese Spass, sollte dort nur nicht den Wettkampf vernachlässigen.

    mfg

  7. The Fogger hat kommentiert:

    Schön geschrieben.
    Ich denke diesen Text werde ich in Zukunft immer vor Augen haben, wenn ich mal wieder einige männliche Kollegen belächle, die sich um eine Frau streiten.
    Da kann man deinen Text schon beinahe als kleine Metapher nehmen.
    So viel sie auch rennen, schwitzen, bluten, höchstens einer kann gewinnen. Und vermutlich wird es dieser einen, süßen Zuschauerin, die an der Ziellinie steht irgendwann zu blöd, und sie geht aus dem Stadion raus – und sieht diesen absolut ruhigen, gelassenen Typen, der das Leben einfach genießt. So wie es sein sollte.

    Schön :)

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