Kategorie: Inner Game
Lauf, Anna, lauf – vom richtigen Zeitpunkt.
4. November 2008

„Jeden Tag, jede Sekunde triffst du eine Entscheidung, die dein Leben verändern kann.”
Lola rennt. Und rennt. Und Anna rennt auch. Seit einiger Zeit. Sie läuft. Sie atmet mit der Nase ein, tief in den Bauch und mit dem Mund wieder aus. Sie checkt ihren Puls auf der Uhr, zählt die Minuten im Intervalltraining und grüßt den Jogger, der ihr gerade schon das zweite Mal entgegenkommt. Sie spürt den Waldboden beim Abrollen und blickt auf die Lichter der Ruhrromantik, die den Park in bunten Farben erleuchten. Sie genießt die kühle Luft in ihren Lungen und die Anstrengung bei der Steigung auf halber Strecke. Sie genießt das Laufen.
— Schnitt. Drei Monate zuvor.
„Was? Nach diesem langen Arbeitstag willst du noch laufen!? Du spinnst.”
„Wie kann man bitte gerne laufen? Das ist so monoton und langweilig. Ich kann das nicht verstehen”
„Wie? Du fühlst dich fitter nach dem Laufen? Das ist doch anstrengend”
„Du willst vorm Weggehen am Wochenende noch laufen gehen? Alles klar…”
All das habe ich gesagt. Und all das habe ich geglaubt. Ich war überzeugt davon. Mein Zeitpunkt zum Laufen war noch nicht da. Die Vorstellung, überhaupt zu laufen, war so weit weg, dass ich die Läufer um mich herum zwar beneidete (wie kann es ihnen bloß Spaß machen?), aber mich selbst niemals laufend gesehen hätte.
Und plötzlich war er da. Der Zeitpunkt, an dem sich in meinem Kopf erst leise, dann laut diese Stimme regte: Halb-Marathon. Das wär doch was. Eine Herausforderung. Etwas, das so gar nicht Anna ist. Denn Anna läuft nicht. Anna hasst Ausdauersport.
Ich werde nächstes Jahr einen Halb-Marathon laufen.
Und ich werde dafür trainieren. Mit einem Trainingsplan. An den ich mich halte. Bei dem es kein Murren und keine Überwindung gibt, den Zeitplan einzuhalten. Mit dem ich Spaß habe. Und mit dem ich genieße.
Und zwei Tage später läuft Anna. Schon beim Schuhe kaufen war ihr klar, dass es das ist. Der richtige Zeitpunkt. Laufen macht Spaß. Warum auf einmal? Weil der richtige Zeitpunkt da war. Weil die Umstände passen. Weil es kein Jammern und Überwinden und Verhandeln mit dem inneren Schweinehund mehr gibt.
Schon vorher hat Anna probiert zu laufen. Hat verschiede Ansätze probiert. Hat verschiedene Schuhe probiert. Hat verschiedene Zeiten probiert. Und es war immer schrecklich.
Weil der richtige Zeitpunkt noch nicht da war.
Jetzt ist er da. Und Anna läuft.
Laufen ist nur ein Beispiel für die Dinge, für die es den richtigen Zeitpunkt gibt. Die nur dann funktionieren, wenn der richtige Zeitpunkt da ist. Es ist keine bewusste Entscheidung. Es ist kein Arbeiten an sich selbst. Kein Überwinden des inneren Schweinehundes. Es ist der richtige Zeitpunkt. Man kann es kaum greifen, diesen richtigen Zeitpunkt. Denn auf einmal ist er da. Es ist so, als würde man seit Ewigkeiten laufen. Als sei es schon immer so gewesen. Als gehörte es schon immer zu einem. Die Entscheidung, etwas zu tun braucht den richtigen Zeitpunkt. Wenn dieser noch nicht da ist, dann ist es quälend, langwierig, anstrengend – und vor allem nicht erfüllend.
Ich möchte nicht dazu aufrufen, neue Dinge nicht auszuprobieren oder sich zu schnell geschlagen zu geben, wenn etwas nicht auf Anhieb funktioniert. Aber ich möchte dazu aufrufen, sich selbst nahe zu sein. Sich ehrlich zu fragen, was man will. Ob die Entscheidung, etwas zu tun, aus einem selbst herauskommt oder doch vielleicht aus den Menschen um einen herum, aus den „Dingen, die gut für einen wären” oder aus den allgemeinen Standpunkten heraus, was zu tun ist.
Es gibt keine allgemeingültige Anleitung, wie man den richtigen Zeitpunkt am besten findet.
Der Blick in sich selbst – statt der Blick nach außen.
Die Überzeugung, dass es zum jetzigen Zeitpunkt so ist, wie es sein soll – und es gut so ist.
Die Auffassung, dass es gerade nur so sein kann, wie es ist – und nicht anders.
Die Ansicht, dass man sich nicht überwinden kann, etwas zu tun, was man nicht möchte.
What you resist, persists.
Wer nicht läuft, läuft nicht. Weder Lola, noch Forrest.
“Now you wouldn’t believe me if I told you, but I could run like the wind blows. From that day on, if I was ever going somewhere, I was running!”
The Bride
Das Buch zum Thema:
Working on Yourself Doesn’t Work: The 3 Simple Ideas That Can Instantaneously Transform Your Life (Ariel & Shya Kane)









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5. November 2008 um 19:16
Ein Hoch darauf, wenn sie/er/es läuft.
Treffend, stimmig, field tested.
Wieder eine Perle PE Literatur.
Keep on running sweety!
9. November 2008 um 22:27
genial, stimme zu mit dem richtigen zeitpunkt – egal für was! also weg mit dem schlechten gewissen: “warum mache ich nur das und jenes nicht, obwohl ich doch weiß, dass…!” hin zu: “wenn es richtig ist, werde ich das wie von ganz allein machen!”
toll geschrieben, danke!