Kategorie: Inner Game

I’m growing tired and time stands still before me
Frozen here on the ladder of my life
Es hätte doch eigentlich so schön sein können: Direkt nach der Arbeit hat sie sich in ihr Auto gesetzt und auf den Weg zu ihm gemacht. Und ausgemalt hat sie sich seit Tagen, wie schön es wird, wenn sie sich endlich wieder sehen. Sie genießt die Fahrt, hört ihre Lieblingsband, singt, beobachtet die Sonne über dem Horizont und ist zufrieden. Mit sich. Mit ihm. Mit den Plänen, die sie in ihrem Kopf geschmiedet hat. Für das Wochenende. Mit sich. Mit ihm.
So viel können sie unternehmen, so viel können sie reden und so viel können sie sich Zeit nur zu zweit nehmen. Kino, Essen, Waldspaziergang, Party, Einkaufen, Auto waschen, Freunde treffen, die Lieblingsserie gucken, Sex, noch mal Sex und entspannen. …was war das noch gleich? Ach ja – das, was am Ende übrig bleibt, wenn ihre imaginäre Liste von Dingen, die sie so gerne machen würde, bis auf den letzten Punkt abgearbeitet ist.
Hach, das wird so toll, denkt sie und biegt in seine Straße ein. Sie hat die Zeit perfekt abgestimmt, er müsste eben Feierabend gehabt haben und schon zu Hause auf sie warten. Aber als sie klingelt – beladen mit Dingen in ihren Taschen und ihrem Kopf – ist keiner da.
Wieso ist er nicht da? Er müsste da sein! Und wieso bekommt sie jetzt schon ein komisches Gefühl im Bauch? Es sollte doch alles so sein, wie sie es sich vorgestellt hat. Er sollte da sein, sie begrüßen und sich freuen, und dann würden sie erstmal im Schlafzimmer verschwinden, und dann würden sie etwas kochen, und dann würden sie noch mal ins Schlafzimmer, und dann würde sie von ihrer Arbeit erzählen und ihm zuhören, und dann würden sie…
Aber er ist nicht da, und das Scheppern in ihrem Kopf ist so laut, dass sie glaubt, jeder könne es hören. Er muss länger arbeiten. Er ist erst in 2 Stunden zu Hause. Aber dann passt alles nicht mehr. Dann passt der Plan nicht mehr, den sie seit Tagen ausgearbeitet hat. Dann passt das Gefühl nicht mehr, das sie seit Tagen erwartet. Und dann passt ihre Vorfreude auf das Geplante eben einfach nicht mehr auf das Ergebnis.
Irgendwie ist sie jetzt auch sauer. Gar nicht auf ihn. Oder doch, ein bisschen. Weil er noch nicht da ist. Weil er ihr jetzt alles kaputt macht. Ihre Erwartung erfüllt sich nicht. Sie hat auch irgendwie gar nicht mehr so große Lust, heute Abend noch wegzugehen. Sie steht erstmal da. Vor seiner Tür. Mit den Taschen in der Hand und dem traurigen Gefühl in der Magengegend.
Ach, ist doch gar nicht so schlimm, sagt sie sich. Ich räume die Taschen zurück, gehe in die Stadt, kaufe mir ein Eis und vielleicht noch ein Paar Schuhe, dann ist er auch bald da und wir lassen das Essen eben ausfallen oder gehen nur einmal ins Schlafzimmer.
Aber dieses komische Gefühl bleibt trotzdem. Und obwohl er keine Schuld trägt, ist sie nicht nur sauer auf sich, weil sie mal wieder zu hohe Erwartungen hatte, sondern auch sauer auf ihn. Warum? Darum.
Und dann streiten sie sich über das Essen, das gekocht werden soll. Sie will keine Nudeln. Die hatte sie gestern schon. Er hat aber schon eingekauft. Es gibt Wochen, da isst sie jeden Tag Nudeln. Dann sind Nudeln jeden Tag völlig in Ordnung. Aber heute will sie keine und macht ihm Vorwürfe, dass er sich nicht gemerkt hat, dass sie letzte Woche schon so oft Nudeln hatte. Warum weiß er das denn nicht mehr? Sie hat es doch erzählt. Sie will lieber Salat. Und nicht mehr sauer sein. Also packt sie ihre Gefühle aus – und reicht sie direkt an ihn weiter. In Salatform.
Auf Sex hat sie sowieso jetzt keine Lust mehr. Es hätte so schön sein können. Wenn alles so eingetroffen wäre, wie sie es sich ausgemalt hat. Wenn das Malen-nach-Zahlen-Bild in ihrem Kopf jetzt an den richtigen Stellen verbunden wäre. Und nicht so ein chaotisches Krikelkrakel, mit dem sie jetzt konfrontiert ist. Denn das sollte so nicht sein. Das hat sie anders geplant. Und weil sie es anders geplant hat, ist sie jetzt nicht zufrieden. Sie ist unbefriedigt und enttäuscht. Von sich. Von ihm. Von der Welt. Von allem.
Sie hätte auch einfach zu ihm fahren und die Dinge auf sich zukommen lassen können. Sie hätte sich überlegen können, was sie gerne machen würde, es aber nicht in Stein meißeln. Und vor allem nicht in ihren Kopf. Und sich nicht tagelang auf die Erfüllung ihrer Erwartungen verlassen. Auf den geraden Weg, der nicht verlassen werden darf.
Aber diese Gedanken sind eben nicht so bewusst, wie wir es uns manchmal wünschen. Sie schleichen sich über die unbewusste Hintertür in unseren Kopf herein und machen es sich gemütlich. Natürlich mit gepackten Taschen. Denn sie wollen ja eine Weile bleiben.
Ich versuche immer öfter, mit leichtem Gepäck zu reisen. Das ein oder andere Ding mal zu Hause zu lassen und wenn etwas fehlt, eben einfach unterwegs noch das einzupacken, was ich gerade brauche.
…denn auch wenn die Taschen so viel Platz haben, sie müssen nicht immer bis oben hin gefüllt werden.
The Bride















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21. April 2009 um 10:47
Wow… Nicht nur für Frauen (vielleicht kommt’s mir nur aus der Ich-Perspektive vor das sie öfter unausgesprochene Erwartungen haben), sondern auch für viele, viele Männer nur zu wahr.
Vorbereitet sein ist gut, Ideen und Vorschläge haben ist gut. Aber Pläne in Stein meisseln kann so schnell so schief gehen.
21. April 2009 um 14:24
Ihr seid so verwirrte Wesen.. aber süß!
Toller Artikel.
21. April 2009 um 15:01
Es ist mir manchmal unbegreiflich, was ihr so in euren süßen Köpfchen konzipiert, plant und fleißig meißelt.
Das ist mal wieder ein dezenter Hinweis auf die Unterschiede in Kopf und Emotionswelt der Frauen, aber gerade wegen der Unterschiede finden wir euch ja so interessant.
Ein sehr schöner Artikel.
21. April 2009 um 15:39
Ich kann mich in dieser Situation, als Mann, der der Frau ihre Pläne total gekreuzt hat, nur wiedererkennen & diese Aussage nur eindeutig bestätigen.
Kann meinem Vorredner nur zustimmen. Sehr schöner Artikel. Dankeschön.
21. April 2009 um 19:12
ein Thema, dass man immer wieder ansprechen kann… schöner Post !
21. April 2009 um 19:41
Ein wirklich schöner Artikel und wie Borgut schon sagte nicht nur für Frauen =)
Ich bin/war teilweise auch so ein Zeitperfektionist
Es ist eine Medaille mit zwei Seiten, auf der einen Seite kann man dadurch wirklich die schönsten Momente erleben, allerdings kann es auch in die Hose gehn wenn man sich zu sehr drauf versteift.
Wie so oft im Leben muss man auch hier die goldene Mitte finden.
Umso weniger man erwartet desto niedriger wird man fallen =)
greez
7. Mai 2009 um 13:02
Ein Einblick in die weibliche Psyche.. Im gleichen Maße fazinierend wie auch unverständlich aus männlicher Perspektive.. Sehr gut geschrieben.
Gruss
Timothy
24. Dezember 2009 um 17:49
“Kein Operationsplan reicht mit einiger Sicherheit über das erste Zusammentreffen mit der feindlichen Hauptmacht hinaus” – Helmuth von Moltke
Beschreibt das ziemlich gut würde ich sagen….
29. Juli 2010 um 10:47
Die wünsche, die erwartungen, die ansprüche, das wovon man glaubt dass es einem “zusteht” sollte man sich gut durch den kopf gehen lassen.
Ich hab mir schonmal durch eine negative Erwartungs-Enttäuschungsspirale eine vormals wunderschöne beziehung ruiniert.
ein hoch auf leichtes gepäck!