Kategorie: Inner Game
The Air You Breathe – Luft Oder Liebe?
24. Mai 2009

Ach ich lebe gerade nur von Luft und Liebe … sagen wir, und meinen damit, dass wir fast nichts brauchen. Die Liebe allein reicht uns schon und dann noch ein bisschen Sauerstoff …
Wie kommt es dann, dass wir uns gegenseitig genau das nehmen? Das sich Luft und Liebe offenbar mal so gar nicht vertragen? Ist Emotion im Spiel, nehmen wir uns die Luft – können wir frei atmen, leidet die Liebe …
Frag mal eine beliebige “zufriedene Singlefrau” deines Umfelds. Sie wird sagen: Ach, im Moment hätte ich eh gar keine Zeit für einen Freund.
Hat sie den dann aber doch, den Freund, braucht sie auf einmal keine Zeit mehr für irgendwas oder irgendwen sonst. Und er, bitteschön, soll auch keine Zeit für jemand anderen als sie brauchen. Schließlich kann man die Luft doch auch gemeinsam atmen, wenn man sich liebt, oder?
Und bei den Herren bietet sich ein ähnliches Bild. Kaum hat der vormals “glückliche Single” (Zitat “endlich hab ich mal genug Zeit für meine Jungs!”) eine Dame seiner Wahl an der Angel, fühlt er sich ungeliebt, wenn sie mal nicht direkt ans Telefon geht oder – Gott bewahre – einen Tag keine Zeit hat. Klar, sie arbeitet bis spät abends und muss am nächsten Tag früh raus, aber das ist doch alles kein Grund, oder? Schließlich geht es darum, Zeit mit IHM zu verbringen, und das ist doch Glück und Gnade genug, dass er ihr seine Aufmerksamkeit widmet.
Es ist wie die Sache mit den zwei Seelen. Einerseits wünschen wir uns den Freiraum, brauchen ihn dringend und vermissen ihn schmerzlich, wenn er uns genommen wird. Andererseits nagt es genauso an uns, wenn ein anderer sich genau diesen Freiraum nimmt.
Einerseits fühlen wir uns bedrängt, wenn der andere bereits Urlaube für übernächstes Jahr plant, andererseits fühlen wir uns vernachlässigt, wenn er uns nicht fragt, ob wir ihn nächste Woche zu dieser oder jener Veranstaltung begleiten wollen.
Am Ende läuft es darauf hinaus: Wenn wir es uns aussuchen könnten, würden wir alles bekommen und nichts geben müssen. Keine Verantwortung übernehmen und zugleich in den Genuss aller Vorzüge kommen.
Aber so läuft das Spiel nicht, und wenn wir ehrlich sind, haben diese Wünsche nur den Ursprung unserer eigenen, uneingestandenen Kleinlichkeit. Irgendwann haben wir nämlich gelernt, dass Aufmerksamkeit zu bekommen gleichbedeutend ist mit einem gewissen Wert, den wir innehaben. Wird uns diese Aufmerksamkeit (scheinbar) entzogen, sehen wir unseren Wert sinken und reagieren verschnupft. Wie kann er nur. Warum ist sie eigentlich immer so.
Dabei gibt es wenig Angenehmeres, als ohne Gewissensbisse dem nachgehen zu können, was man gerade gerne machen möchte. Aufmerksamkeit nicht zu schenken, weil man muss oder sich unter Druck gesetzt fühlt (Stichwort: Gute-Nacht-SMS, anfangs noch eine liebe Geste, irgendwann eine so unverzichtbare wie unbedeutende Alltäglichkeit), sondern einfach, weil man möchte. Sich zu sehen, weil man Lust hat, sich zu sehen, nicht weil man denkt, es sei jetzt wieder an der Zeit. Sich zu küssen, weil man Lust hat, den anderen zu spüren, nicht weil es zum Automatismus geworden ist. “Ich liebe dich” zu sagen, weil man es gerade so empfindet, nicht weil es die gewohnte Abschiedsfloskel am Telefon ist.
Doch der erste Schritt zum Atmen ohne Reue ist, den anderen atmen zu lassen, ohne sich selbst unbeachtet zu fühlen oder diese Gefühle auch noch zu vermitteln.
Man kann niemanden ändern, nur sich selbst, heißt es. Deshalb liegt der Schlüssel zu Luft UND Liebe auch bei uns selbst, nicht beim anderen, der doch endlich mal müsste oder nicht immer sollte oder …
Den Partner zu zwingen, sich etwa zu melden, in dem man ansonsten unleidlich wird, oder zu Sanktionen greift, ihn auf Entzug setzt, um ihn zu strafen … ja, sicher, das funktioniert. Aber es ist eine Beziehung, die auf Zwängen basiert. Und wer lässt sich schon gerne zwingen – und findet das dann auch noch gut?
Jemanden machen zu lassen, was er will, ohne das als Abwertung der eigenen Person zu betrachten, ist eine Herausforderung, für jeden und jede. Aber es wird belohnt. Durch ein entspanntes Miteinander, durch Aufmerksamkeit, die auch so gemeint ist, und damit weit wertvoller als alles, was wir bekommen, weil jemand meint, er sei es uns schuldig (und wir sind uns doch sicher einig, dass Schuld das letzte Prinzip ist, auf dem wir Gemeinsamkeit aufbauen wollen … )
Fangen wir also umgekehrt an – nicht bei der Liebe, sondern bei der Luft. Damit wir beides genießen können, einfach so.
Sometimes all I need is the air that I breathe and to love you
All I need is the air that I breathe yes to love you
Just to have you now
All I need is the air that I breathe you’re all I want
(The Hollies)
Esperame















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25. Mai 2009 um 21:04
perfekt. nothin to add. schöner Post, Esperame.
26. Mai 2009 um 18:21
eigentlich ist es ganz einfach: wenn der andere nur nach unserer pfeife tanzen würde (z. b. sich immer dann meldet, wenn wir es uns wünschen), dann wird es langweilig, weil es nix mehr besonderes ist. mein freund redet sich immer damit raus: jaja, als ob man mit der anzahl von mails/sms messen könnte, wie oft man an jemanden denkt/ihn mag. ich hab mich lang dagegen gewehrt, das zu akzeptieren. aber wenn man weiß, dass der andere einen ehrlich mag, dann überlebt man auch das. und recht hat er: ich denke ständig an ihn, aber das heißt nicht, dass ich ihm auch ständig liebesbekundungen zukommen lassen muss. dass man die haben möchte, ist ja nur die sehnsucht nach selbstbestätigung. das muss man mal überwinden und dann ist eine beziehung ganz wunderbarrrrr…. *hach*
und ja, ein schöner beitrag, dem es eigentlich nix hinzuzufügen gibt.
26. Mai 2009 um 19:25
juchhu, ihr seid zurück! hab schon lange auf einen neuen beitrag gewartet
30. Mai 2009 um 15:26
vielen Dank für diesen Beitrag, ich bin genau zum richtigen Zeitpunkt auf ihn gestoßen. Er hat mir geholfen meinen Kurs beizubehalten.
4. Juni 2009 um 08:47
Meine Rede! (Frpeia kann es bestätigen) An der Umsetzung hapert es aber noch ein bisschen (zumindest bei mir) aber es kann auch nicht von heute auf morgen gehen (oder doch?)
Auf jeden Fall sehr wahr