Kategorie: Inner Game

Das, was mir wichtig scheint, hältst du für Kleinigkeiten.
Das, was mich ärgert, hat bei dir nichts zu bedeuten.
(Johann Wolfgang von Goethe)

Irgendwann im Laufe einer Beziehung (meist später als früher) fallen uns an dem anderen Dinge auf, die wir vorher nicht wahrgenommen haben – sei es durch die Abschirmung der eigenen rosaroten Brille oder die Mühe des Partners,  sich möglichst perfekt darzustellen.

Sei es die Art, wie er geht.
Sei es die Art, wie sie isst.
Sei es die Art, wie er Auto fährt.
Sei es die Art, wie sie ihre Schuhe anzieht.

Und diese Dinge finden wir manchmal süß (der positive Fall), oder wir finden sie einfach nur nervig (der negative Fall).

Wir sehen ihn, wie er so neben uns geht und fragen uns, warum er denn nicht wie jeder andere auch einfach einen Fuß neben den anderen setzen kann und warum er denn nicht wie jeder andere auch einfach gerade gehen kann ohne diese komischen Schlenker.
Wir sehen sie, wie sie ihren Apfel schält und dabei immer diese Stelle in der Mitte ausspart; wie sie den Apfel isst und dabei so komisch kaut und fragen uns, warum sie denn nicht wie jeder andere auch einfach den Apfel nehmen, reinbeißen und essen kann – ganz normal.
Ohne, dass es in uns ein drängendes Herzklopfen auslöst. Ohne, dass wir den Drang haben, laut aufzuschreien, das Gegenüber anzufahren und einfach die Frage zu stellen, die in uns pocht und unsere Nerven bis zum Zerreissen spannt: „Kannst du bitte damit aufhören?! Ja?”

Doch das stellen wir uns nur vor. Wir stellen diese Frage nicht. Denn wir ahnen schon, dass es nicht diese Kleinigkeiten sind, die uns stören. Das kann die Art sein, wie er sitzt; das kann die Art sein, wie sie redet.
Das, was uns nervt, ist so austauschbar wie Platz 15 oder 30 bei einem Wettlauf.
Das einzige, was zählt: Wir sind nicht auf Platz 1.
Wir beobachten den anderen und stellen fest, dass sein Verhalten dieses brodelnde Gefühl auslöst, das an unseren Nerven zerrt und uns diesen Gesichtsausdruck der völligen Unzufriedenheit aufs Gesicht zaubert. Mit diesem Ausdruck schauen wir dann den Partner an.

Lieber sollten wir in uns selbst schauen, denn meist stehen die Kleinigkeiten, die uns auf einmal am Partner stören, nicht für einen Konflikt in der Beziehung, sondern für einen Konflikt in uns selbst. Wer schon ein paar Beziehungen geführt hat, wird feststellen, dass sich ab einem gewissen Zeitpunkt oft dieses Gefühl des Genervtseins einstellt – meist hervorgerufen durch die lange Zeit, die zusammen verbracht wird. Manchmal sind es auch die Kleinigkeiten, die wir am Anfang sexy oder süß fanden, die uns jetzt bis zur Weißglut treiben können.

Die zermürbenden Kleinigkeiten sind die Reflektion unserer eigenen Gedanken. Um die Hürde, die diese Gedanken aufbauen, zu überwinden, müssen wir an uns selbst arbeiten, nicht am anderen. Denn im Prinzip ist der Partner austauschbar. Er reflektiert das Gefühl, das  mit der Zeit in einer Beziehung in uns selbst auftritt. Er ist Träger der Emotionen, die wir in ihn gepackt haben. Der Groll, die Unzufriedenheit, die Ungeduld und das Genervtsein.
Den Partner können wir nicht verändern. Wir sollten ihn nicht bitten, anders zu kauen. Wir sollten ihn nicht auffordern, anders zu stehen. Es wird die Situation nicht wandeln. Die Situation, die wir uns selbst ausgesucht haben.
Und nun sind wir unsicher. Wir wägen ab. Natürlich nicht bewusst. Aber unbewusst zeigen uns die störenden Kleinigkeiten am anderen, dass da etwas ist, mit dem wir nicht zufrieden sind. Unbewusst suchen wir einen Ausweg aus der Langzeitbeziehung. Kann es das schon gewesen sein? Ist das mein Partner für immer?

Aus Verliebt sein wird Liebe, aus Ausgehen wird Zusammen leben. Wir tauschen die Aufregung gegen Vertrautheit, die Neuentdeckungen gegen Erfahrung ein.

Wir könnten unsere Beziehung beenden und uns irgendwann auf einen neuen Partner einlassen. Aber das Problem lösen wir damit nicht. Wir verdrängen es. Und nach einer Zeit wird es auch in der neuen Beziehung auftreten.

Stattdessen können wir uns bewusst werden, dass die Kirsche, die wir ausgesucht haben, genauso saftig ist, wie die in Nachbars Garten.
Wir können uns auf die neuen Gefühle einlassen, die genauso schön sein können wie die beim ersten Kennenlernen. Sicher sind es nicht dieselben Gefühle – sie sind eine Entwicklung, die uns zu einem weiteren Kaptitel bringen.
Und diese Gefühle lohnen sich, entdeckt zu werden.

Die Liebe lebt von liebenswürdigen Kleinigkeiten.
(Theodor Fontane)

The Bride

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5 Kommentare to “All The Small Things – Oder: Du und ich und die Zahnpasta”

  1. billyPilgrim hat kommentiert:

    Stattdessen können wir uns bewusst werden, dass die Kirsche, die wir ausgesucht haben, genauso saftig ist, wie die in Nachbars Garten.

    -> nein nicht so pauschal.

    -> http://xkcd.com/310/

  2. annaprinzip hat kommentiert:

    …hehe netter Comic ;-)

    Es geht mir aber hier eher nicht darum, den Partner voreilig zu ehelichen und einen Baum zu pflanzen. Es geht mir vielmehr darum, sich bewußt zu machen, dass die störenden Kleinigkeiten meist kein Indiz dafür sind, dass der Partner einen nach und nach mürbe machen möchte, sondern ein Zeichen dafür, dass es Dinge in einem gibt, mit denen man sich auseinandersetzen sollte. Man sollte nie auf Teufel komm raus mit jemandem zusammenbleiben, weil man meint, es ginge schon irgendwie. Man sollte aber auch nicht voreilig weiterziehen, wenn diese Kleinigkeiten auftauchen. Den schmalen Grat, auf dem man sich bewegt, abzustecken, ist hier die Kunst.
    …deshalb können wir uns bewußt werden…

    Aus dem verlinkten Artikel:
    Denn wenn du irgendwann wieder das Gefühl hast, dass die Kirschen in deiner Obstschale schrumpelig und nicht so leuchtend rot wie die in Nachbars Garten sind, dann kannst allein du entscheiden, ob du deine eigenen Kirschen aus der Obstschale isst und die Kerne einpflanzt, um neue Kirschen zu bekommen oder ob du einfach rüber gehst in Nachbars Garten und am Baum schüttelst, um die frischen, saftigen und vor allen die noch nicht gekosteten Kirschen mit nach Hause zu nehmen.

    LG Bride

  3. M hat kommentiert:

    Eines der üblichen Probleme der Menschheit…nie zufrieden sein, nie ruhen und genießen können, immer auf der Suche nach Aufregung und Nervenkitzel, die Neugier stirbt nicht.
    Wobei es im Wechselspiel mit dem Wunsch, nie die Comfort-Zone verlassen zu müssen, irgendwie ein kleines Paradoxon bildet.
    Veränderung ja, aber bitte nicht in Bezug auf mich selbst. Immer nur die Anderen.

  4. Otis hat kommentiert:

    Der Beitrag gefällt mir.
    Aber manchmal lassen sich auch störende Kleinigkeiten vermeiden wie eben bei der Zahnpasta.

    Seit den neuen Tuben, welche man nicht mehr von hinten ausdrücken muss, sind ja etliche Beziehungen gerettet worden
    hehe

  5. LaRubia hat kommentiert:

    Danke für diesen Text. Ihr habt mir mit eurem Blog schon enorm geholfen zu lernen wie man eine gesunde Beziehung führt.

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