Kategorie: Inner Game
Don’t tell me – Vom Wissen und Nichtwissen
19. Juni 2009


Ach sag ruhig, Jonas und ich erzählen uns alles.
Julia und ich haben keine Geheimnisse voreinander.
Ich weiß alles über meinen Partner.
Sie kommen in jeder Form und Farbe daher, Lippenbekenntnisse in der Partnerschaft, die dem anderen zeigen: Wir gehören zusammen, wir bilden eine Einheit. Wir hier drinnen, du da draußen. In Form von Geheimnissen, die wir mit dem Partner teilen, schaffen wir Vertrauen.
Sei es eine Geheimnis über seine Vergangenheit (Ich hatte vor dir noch nie eine Freundin).
Sei es ein Geheimnis über die Gegenwart (Ich habe nachts Angst allein im Bett).
Sei es ein Geheimnis über die Zukunft (Ich werde meinen Job kündigen).
Geheimnisse schweißen zusammen. Geheimnisse bleiben geheim. In der Partnerschaft.
Die besten Freundin erzählt uns von ihrem neuen Freund und sagt: „Erzähl das aber bitte nicht weiter, ich bin mir noch nicht so sicher mit ihm“ – kein Problem, der Partner gehört ja in den erhabenen Kreis der Geheimnisträger; er zählt nicht. Ihm können wir das natürlich erzählen.
Der beste Freund bekommt ein Kind und sagt: „Ich werde Vater, aber behalt es bitte noch für dich, bis ihre Eltern es wissen“ – kein Problem, die Freundin darf es sofort erfahren, wir gehören ja zusammen.
Geheimnis bei mir = Geheimnis bei uns.
Doch was, wenn der Partner selbst Geheimnisse vorm anderen hat? Wir ahnen es, aber sprechen es eigentlich nie an. Wir wissen, es ist wichtig, dass auch in einer Partnerschaft Geheimnisse bleiben. Dinge, die man nicht anspricht. Dinge, über die man nicht redet. Dinge, die nur einem selbst gehören.
Die Einschätzung dieser Geheimnisse ist es, die das Enthüllen eben dieser in eine Überraschung oder Verletzung packen. Wir haben das verpackte Geheimnis vor uns. Das Paket liegt schon seit Ewigkeiten in einer Ecke. Wir nehmen es zur Kenntnis; wir wissen, das es da ist, aber es stört und nicht. Wir lassen es dort liegen und erkennen, dass es besser ist, es nicht anzufassen.
Doch was, wenn wir eines Tages nach Hause kommen und uns das zerrissene Geschenkpapier schon im Flur auffällt? Wir schauen in die Ecke, und da liegt es: Das Geheimnis, das bisher so gut verpackt war – jetzt frei zugänglich für uns. Doch das, was wir sehen gefällt uns gar nicht. Denn die zerrissene Verpackung hat etwas ans Licht gebracht, das wir eigentlich gar nicht sehen wollten.
Sei es, dass unser Partner gar nicht verabredet ist, sondern allein spazieren geht.
Sei es, dass unser Partner heimlich raucht, unsere Reaktion aber meiden will und es deshalb nicht anspricht.
Sei es, dass unser Partner nicht Schuhe sondern Schwangerschaftsbücher kaufen geht.
Die Art des Geheimnis ist es, die uns beim Enthüllen im Inneren trifft.
Warum hat der Partner es mir nicht gesagt?
Vertraut der Partner mir nicht?
Was hält er eventuell noch geheim?
Wir erfahren Dinge über den Partner – durch Zufall oder Absicht -, die wir eigentlich nicht wissen sollten. Dieses Wissen kann uns erst verletzen. Aber es ist die Art und Weise, wie wir damit umgehen, die unser neues Wissen in eine engere Bindung an den Partner münden lassen kann können.
Sicher gibt es Geheimnisse, die – wenn aufgedeckt – so zerstörend wirken, dass sie uns in unseren Grundfesten erschüttern und einen Abstand zum Partner hervorrufen – sei es zeitlich begrenzt oder für immer.
Es sind die kleinen Geheimnisse, die wir zwar wahren, aber auch in einer Partnerschaft nicht ansprechen, weil sie unser Eigenes sind, die als Katalysator für ein näheres Zusammenrücken dienen können. Die ein ehrliches Gespräch auslösen können. Die uns Grenzen in der Partnerschaft abstecken lassen können. Und die uns als eine Basis für Vertrauen zu Gute kommen.
In der Freundschaft vertraut man ein Geheimnis an, in der Liebe entwischt es einem.
(Jean de La Bruyère)
The Bride















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