Kategorie: Brides Beach

Ja ich verstehe es.
Ich verstehe, dass man sich darüber aufregt, dass die Bahn mal wieder zu spat kommt; dass der Typ vom Wochenende sich noch nicht gemeldet hat; dass die Einkaufstüten mal wieder zu schwer sind oder, dass man schon wieder tanken muss. Ich rege mich über diese Dinge auch auf – setze mich in den Mittelpunkt des Universums: meines Universums. Und verfluche den ganzen Rest darum herum. Ich als Maßstab für Glück und Erfolg, für Probleme und Freude.

Und manchmal erlebt man diese Momente, in denen einem klar wird: Das ist so klein und unbedeutend. Warum lasse ich mich von diesen so genannten Nichtigkeiten so aus der Bahn werfen, als seien es die größten Wichtigkeiten? Warum messe ich ihnen solch eine große Bedeutung zu? Weil… es meine Nichtigkeiten sind. Und damit werden sie zu Wichtigkeiten.

Jeder hat diese Nichtigkeiten, über die man sich bis zu einem gewissen Maße definiert. Und in manchem Momenten – ausgelöst durch ein Wort, ausgelöst durch ein Bild, ausgelöst durch ein Erlebnis – wird einem bewusst, dass diese Nichtigkeiten eben sind, was sie sind: Nichtigkeiten.

Ein solcher Moment kann die unterschiedlichsten Gefühle auslösen: Kopfschütteln, Aufbegehren, Trauer, Verwunderung, Aktionismus. Die Liste ist lang. So lang wie die Liste der Möglichkeiten, die von diesem Moment ausgehen.

Der Moment, der einem die Nichtigkeiten des eigenen Lebens vor Augen führt, kann das Bild eines kleinen Mädchens sein. Ein Mädchen, dass nach ihrer Genitalverstümmelung in Afrika nicht mehr gesprochen hat. Jahre her, aber ein solch schreckliches Erlebnis, dass das Grauen, das dieses Mädchen erlebt hat, kaum vorstellbar ist. Während das Bild dieses Mädchens bei einem Vortrag gezeigt wird, spricht ein Mann, der mit fast 75 Jahren schon so viel erlebt hat, dass selbst die Erfahrung von geschätzten 300 ziel- und ideenlosen Talkshowsüchtigen mit Bier in der Hand und Bohlen auf dem Ohr nie heranreichen werden.

Er setzt sich seit Jahren für diese Mädchen und Frauen ein, kämpft für ihre Rechte – und hat zwei Bundesverdienstkreuze. Warum ich das erwähne? Weil es mir die Tragweite seiner Entscheidungen bewusst macht. Weil es mir zeigt, dass dieser Mann durch seine Taten und die Ideen, die irgendwann in seinem Kopf Formen annahmen, Dinge erreicht und gesehen hat, von denen viele nicht mal träumen. Das einzige, das ihn dazu getrieben hat, war er selbst. Seine Wege, seine Gedanken, sein Willen.

Er, das ist Rüdiger Nehberg – Sir Vival –, ein so beeindruckender Mensch, dass ich Gänsehaut bekomme, wenn er von seinen Reisen erzählt. Und von seinen Taten, Ideen und Zielen. Ich denke an gestern Abend zurück und die Frage, welche Farbe mein Nagellack für die Nacht haben soll und ob ich hohe oder flache Schuhe tragen möchte.

Das Bild dieses Mädchens stellvertretend für die Gräueltaten an so vielen und die Planung meines Partyabends. Solch krasse Gegensätze werden einem eher selten als häufig bewusst. Und irgendwie bin ich froh, dass ich mich für flache Schuhe und durchsichtigen Nagellack entschieden habe. Den Knoten im Bauch versuche ich, in Energie umzuwandeln.

Ich will nicht missionieren, eine Ode an alle Helden dieser Welt schreiben oder meine schweren Einkaufstüten von gestern niederschreien. In dem Moment, wo sie mir die Arme zerren, beim Aufschließen der Haustür vom Arm rutschen und umkippen, sind sie die Wichtigkeit meines Moments. Ich darf mich aufregen und fluchen. Und dann darf ich alles einsammeln, die Tür aufschließen und im Hausflur stehen bleiben. Und dann an die Energie denken, die der Moment mit dem Mädchen in mir wachgerufen und etwas ausgelöst hat.

Etwas ausgelöst hat, dass mir vor Augen führt, dass es wichtigere Dinge in meinem Leben gibt als die aufgeplatzte Milchtüte.

Zum Beispiel die Freude darüber, dass ich eine neue Milch kaufen kann.
Zum Beispiel die Klarheit, welche Dinge abseits der Nichtigkeiten wirklich wichtig für mich sind.
Zum Beispiel der Blick auf die Menschen um mich herum und Dankbarkeit darüber, dass sie für mich da sind.
Zum Beispiel die Gewissheit, dass ich allein entscheiden kann, welchen Weg ich als nächstes gehen werde und welcher der richtige für mich ist.

Zum Beispiel die Entscheidung Organisationen wie die von Rüdiger Nehberg zu unterstützen.

Zum Beispiel die Möglichkeit zu haben, mir vor Augen zu halten, was Wichtigkeiten und Nichtigkeiten sind – und, dass sie immer vom Blickwinkel abhängig sind. Vom Blickwinkel, den man immer mal wieder ändern kann.

The Bride


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8 Kommentare to “Small Step or Giant Leap? – Von Nichtigkeiten und Wichtigkeiten”

  1. Shorty hat kommentiert:

    Wow.

  2. FXG hat kommentiert:

    Das ist mal ein ganz anderer, aber sehr bedeutender Artikel !
    Auch in diese Richtung müssen wir gehen.
    Wir, die etwas lernen wollen.
    Glück auf… für alle !

  3. girlygirly hat kommentiert:

    Dein Artikel hat mir einen Schauer über den Rücken gejagt. Finde ihn wirklich gut und inspirierend

  4. el_Presidente hat kommentiert:

    wünsche euch ein erfolgreiches und gesundes jahr 2010!

    Für das neue jahr wünsche ich mir unter anderem weiterhin viele frische und belebende beiträge hier im blog 😉

  5. Kerstin hat kommentiert:

    Wow. Ich bin sprachlos. Habe die HP gestern gefunden und schmökere seitdem fleißig.

    Warum habe ich diese Seiten nicht schon viel früher gefunden? Ihr schreibt hier so viel Ehrliches, Wahres und Wichitges dass mir ein ums andere Mal der Mund offen bleibt und die Glühbirne im Kopf angeht „Ah.. ja!“.

    Ich möchte euch für eure Beiträge aufrichtig danekn – sie helfen mir enorm. Besonders dieser Artikel hat mir Gänsehaut gebracht. So wie Bride schreibt ist es mir auch schon oft gegangen (Arbeit mit beeinträchtigten/misshandelten Kindern) und man sieht die Welt auf einmal mit anderen Augen. Thanks for sharing!

  6. annaprinzip hat kommentiert:

    @ Kerstin: Vielen lieben Dank für deine netten Worte, das freut mich wirklich sehr! Gerade nach meiner so langen Pause vom Blog hier bestärkt es mich, hier doch weiterzumachen!
    Alles Liebe,
    Anna – Bride

  7. Kerstin hat kommentiert:

    😡

  8. Kerstin hat kommentiert:

    Mist, Mist! Falsches Smiley! 😉

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