Kategorie: Allgemein, Brides Beach

Ich bin gerne spontan. Ich muss nicht morgens schon wissen, wo ich abends mit meiner Freundin hingehe. Ich muss auch nicht am Anfang der Woche schon die Wochenendeplanung des nächsten Monats durchkauen. Was ich auch nicht muss: Ständig auf Abruf bereit sein, warten, bis sich jemand eventuell doch noch meldet oder es sich anders überlegt hat.

Eigentlich bin ich ein Digital Native –  denn ich bin nach 1980 geboren. Ich fühle mich aber nicht so.
Ich bin eine Digital Transitiontive.
  Also quasi ein Ditial Immigrant.
Ich habe die digitale Revolution nicht im Geburtskanal erlebt, sondern aktiv.
Und das mit allen Vor- und Nachteilen. Ich mag Smartphones, Touchpads, Skypen, Facebook und Einchecken. Ich finde es toll, dass ich oft sehen kann, wo meine Freunde gerade sind. Vielleicht bin ich nur zwei Straßen weiter und hätte das Kölsch an der Ecke vor zehn Jahren eben nicht mehr spontan mit ihnen genießen können.

Ich habe mit meinem Kassettenrekorder Serien vom Fernsehlautsprecher aus aufgenommen, um sie abends im Bett noch mal zu hören. Ich habe teure Videokassetten für den Betamax kaufen müssen. Ich fühlte mich so modern, als ich meinen ersten Discman hatte. Und ich habe – wie jeder in meinem Alter – schon Kassetten wegen Kabelsalat zu Grabe tragen müssen. Und das trotz Wiederbelebungsversuchen mittels Bleistift.

Ich genieße also jetzt die Vorteile und weiß die Weiterentwicklung wirklich zu schätze. Vermutlich mehr, als meine Nichte, die intuitiv das Iphone bedienen kann und später mit dem Hoverboard zur Schule slidet.

Was ich nicht zu schätzen weiß: Die Unverbindlichkeit, die damit einherkommt.
Musik wird seltener auf CD gekauft, man kann sie ja zur Not von unterwegs runterladen oder mal eben vom Sohn des Nachbarn der Arbeitskollegin mitstreamen.
CD-Regal oder Cloud? Die Antwort liegt nahe.

Wozu eine Uhrzeit ausmachen, wenn ich mich locker verabreden kann:
„Ich sag dir noch genau Bescheid, wann wie wo warum und mit wem. Irgendwann Samstagabend.“
„Ja, lass uns mal schauen, aber würd auf jeden Fall gern was machen.“
„Ja, erstmal irgendwo vortrinken, dann schauen wir, können ja dann einfach mit App X oder mobiler Website Y schauen, was so geht.“

Nicht auszudenken, wenn dann der Akku leer ist! Dann müsste man sich auf eine Uhrzeit und einen Ort festlegen. Nicht „irgendwo da“ oder „irgendwann dann“ , sondern harte Fakten. Um Gottes Willen! Da können die meisten schon durch panikartig schwitzige Hände ihr Smartphone sowieso nicht mehr bedienen. Damit kommen wir doch gar nicht mehr klar!
Irgendwo fest zusagen ist mittlerweile schon gleichzusetzen mit Selbstgeißelung. Da wird selbst Silas neidisch.
Es könnte ja irgendwo doch noch etwas besseres… und jemand netteres…

Und warum sich mit der Person, die einem gegenüber sitzt, unterhalten, wenn WhatApp und der facebook Messenger kreischend nach Aufmerksamkeit verlangen.

Wer sich nicht innerhalb kürzester Zeit zurückmeldet, wird besorgt angerufen: „Alles in Ordnung? Wo bist du?“

Vielleicht bin ich auf einem Date und eben so erzogen worden, dass ich die Aufmerksamkeit der Person schenke, die mir gegenüber sitzt. Multitasking ist zwar für als Frau mich kein Thema, aber als sozial kompetenter Mensch eben auch nicht immer angebracht. Dieses quer über den Tisch zum Gesprächspartner schielen, während man eine Nachricht an die Freundin schreibt, die auch gerade in der Stadt unterwegs ist und eventuell noch vorbei oder doch nicht, weil sie ja noch die anderen in dieser Bar…- ein Unding. Und alles eine Frage des Maßes.

Diese mobil-kommunikative Unverbindlichkeit gäbe es gar nicht, würden wir nicht 24 Stunden am Tag die Möglichkeit haben, uns zu informieren, uns zu verabreden, uns abzulenken.

Früher war alles besser. Bitte, auf den Satz habt ihr doch jetzt schon gewartet. Ich möchte euch nicht enttäuschen.

Natürlich war nicht alles besser. So, wie es das nie ist. Was ich aber mochte, war eine gewisse Verbindlichkeit, die auch Wertschätzung des Gegenübers beinhaltet. Des Gegenübers, mit dem man gerade sein Kölsch trinkt, oder des Gegenübers, mit dem man gerade den Abend plant.

Wenn’s mir zu bunt wird, zieh ich mich raus. Dann sitze ich lieber auf meinem Balkon – natürlich mit dem obligatorischen Kölsch – und schreibe das hier. Dann diskutiere ich nämlich nicht länger über WhatsApp, SMS oder diverse Messenger, warum man sich denn jetzt nicht da und da trifft, weil die und die doch dort und dort sind.
Dann genieße ich lieber den Sonnenuntergang, schaue in den Himmel und denke: „Mist, hier draußen hab ich ja so schlechten Empfang…“

The Bride

 

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1 Kommentar to “Kommste heut nicht, kommste morgen – Oder: Die unerträgliche Leichtigkeit des Unverbindlichseins”

  1. Tom hat kommentiert:

    Weißt du was? du sprichst mir ja sowas von aus der Seele.
    Zum Glück gibt es aber noch einige, ganz wenige, mit denen man sich fest verabreden kann. Auf die man Zählen kann!
    Mein Kumpel ( auf ihn kann man zählen) und ich versuchen genau wegen dieser Problematik Leute zu finden die noch verantwortung für ihre Taten übernehmen. Allerdings ist das heut zu Tage schwer. Ein anfang ist es aber mit Facebook und co auf zu hören und wieder die leute an zu rufen, um direkt zu fragen: „und kommst du mit oder nicht?“ …

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