Kategorie: Inner Game - Catcity

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5 Klicks, und ich weiss alles über dich.
5 Klicks, und alles, was du dem Internet anvertraust hast, hast du auch mir ins Ohr geflüstert.

In Zeiten, in denen Digital Natives daten, Whatsapper werben und Körperlichkeiten Kilobytes zugrunde liegen, lernt man den anderen nicht einfach nur kennen. Google, Facebook, XING, Instagram und Twitter nehmen mitunter die Plätze der besten Freunde ein. Die, die man zu Rate zieht, um diesen einen Satz zu analysieren, den er gesagt hat und wie denn gemeint haben könnte? Um sich über seine Freunde zu informieren, von denen er wieviele hat? Die was über ihn denken? Die vermitteln können, ob er tatsächlich Interesse hat?

Wo war er, mit wem und wann? Facebook weiß es.
Was mag er, was isst er und vor allem wieviel? Instagram hat Antworten.
Was hat er studiert, wie lang gearbeitet, ist er blöd, intelligent oder faul? XING hilft.
Wer hilft mir, ihn zu durchleuchten, bevor ich ihn kennenlerne? Leichen im Keller auszugraben und mir es dort unten gemütlich zu machen, bevor ich überhaupt das dritte Date mit ihm hatte? Mein Freund Google.

Liebe in Zeiten der Suchmaschine. Ähnlich einer Krankheit, die sich in uns hineinfrisst und uns übernimmt. Wir können kaum mehr anders, als all die Informationen, die wir bereits wissen, in den Suchschlitz einzugeben und gierig die Medizin der Seite 1 – Ergebnisse herunterzuschlucken.

„Wo soll ich denn klingeln, oder willst du vor der Tür warten, damit ich dich nicht stalken kann?“
Er lacht. Und ich hab seinen Nachnamen. Der mir nicht nur hilft, keine wildfremden Menschen mitten in der Nacht wach zu klingeln, sondern der mir auch ein Ticket zum Planet des Suchens schenkt. Die heiligen Hallen des Wissens wurden soeben geöffnet. Aber nein, nicht ganz. Ich habe zwar den Schlüssel, aber die Tür ist noch verschlossen. Und zum ersten mal zögere ich durchzugehen.

Das erste Treffen – spontan, klickend, unkompliziert und entspannt.
Wir reden. Wir fragen nicht ab, wir erwähnen die Dinge, so wie sie kommen. Ich will gar nichts wissen, er antwortet auch so. Finde ich ihn überhaupt gut? Keine Ahnung. Ich finde den Abend gut. Mehr will ich gerade gar nicht. Ich habe mich auch nicht aufgehübscht. Um ihn zu treffen. Läuft es gut, kommt die Schminke früher oder später sowieso ab. Und unkompliziert mag ich sowieso. Also warum nicht den ersten Schritt machen?
Passt schon, denke ich beim letzten Blick in den Spiegel.

Passt schon, denke ich beim Starren auf den Suchschlitz. Aber ich gebe den Namen nicht ein. Mir fehlte bisher sogar die Zeit, mir sein Facebook-Profil genauer anzuschauen. Und der zufällige Zeitmangel wird zum bewusst gewählten Mangel.

„Ich werde dich nicht googeln.“ Ihm ist gar nicht bewusst, was das für mich bedeutet.

Gab es doch die Zeit, in der ich mit mir gerungen habe, die Freundin einer Urlaubsbekanntschaft nicht zu informieren. Er hatte den Fehler gemacht, mir seinen kompletten Namen plus Heimatstadt mitzuteilen.
5 Klicks, und die Freundin lacht mich von einem gemeinsamen Urlaubsbild an. Natürlich öffentlich. Natürlich mit Klarnamen.

Liebe in Zeiten der Privatsphäreeinstellungen, die für den Großteil der User so schwer zu begreifen sind wie Logarithmen. Wie gut, dass ich Mathe LK hatte. Aber eben auch Ethik. Und die hält mich davon ab, ihr zu schreiben.
Auch, wenn ihn in der Zeit nach dem Urlaub nichts davon abhält, mir zu schreiben und unser Beziehung „vertiefen zu wollen“. Dass seine Freundin nur einen Klick von mir entfernt wartet, ist ihm überhaupt nicht bewusst.

Bewusst ist mir, dass ich den Mann mit Vor- und Nachnamen nicht googeln werde. Und auch auf seinem Facebook-Profil nicht in die tiefste Vergangenheit vorstosse. Bilder von vor 2 Jahren mögen nett sein, aber auf diesen Bildern ist doch gar nicht er. Es ist er vor 2 Jahren. Was ihn wiederum zu dem Jetzt-Er macht. Aber bei diese Reise muss ich doch gar nicht dabei sein. Natürlich sind wir unsere Vergangenheit. Natürlich werden wir geprägt, geformt und geklöppelt. Aber die Scheibe, auf dem sich unser Leben wie ein Tonkrug dreht, kennt sowieso nur eine Richtung. Denke ich. Jetzt gerade. Und freue mich lieber darüber, wenn er anruft oder Kinokarten kauft. Für die nächste Scheibenumdrehung.

In Zeiten von Social Media ist es sonderbar, jemanden ohne die Hilfe des Web 2.0 kennenzulernen. Und schön. Und anders. Sind wir Teil unserer Netzwerke? Natürlich. Sind die Netzwerke Teil unserer Abende, an denen wir bei einem Bier jemandem gegenüber sitzen und einfach nur quatschen? Natürlich nicht.

„Ich werde dich nicht googeln.“ – Mein Sinn von Romantik.
Schenke mir ein Liebesschloss, und ich laufe schreiend weg.
Schenke mir eine gemeinsame Dropbox, und ich muss schlucken.
Nenn mich Schatz, und du siehst mich von hinten.
Nenn mir ungefragt dein WLAN-Passwort, und mir wird warm ums Herz.

Dieser Blog ist ein Teil von mir. Er kennt ihn. Er will ihn nicht lesen. Jetzt. Gerade. Natürlich spielt bei allem Verzicht auf Information immer auch Angst eine Rolle. Die Angst, etwas sehen zu können, das einem nicht gefällt. Immerhin muss ich die jetzt nicht haben. Und er auch nicht. Und alles andere kann ich fragen. Mache ich auch. Dann, wenn ich es wissen will. Und nicht dann, wenn ich zufällig beim Wühlen nach Informationen darüber stolpere.

Liebe in Zeiten der Suchmaschine. Big Data. Big Nothing. Probiert es mal.

Anna. Nerd.

 

(Dies ist der erste Artikel, der aufgrund von Devicemangel zu 100% auf einer virtuellen Tastatur geschrieben wurde. Und es hat auch nur dreimal so lang gedauert…)

 

 

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4 Kommentare to “Die Kunst des Nichtwissens – Oder: Liebe in Zeiten der Suchmaschine.”

  1. Rasu hat kommentiert:

    “Ich werde dich nicht googeln.” – was für ein hübscher Satz, in dem so viel Welt-abgewandte Liebe mitschwingt.

    Besonders gut gefällt mir dein Satz: „Nenn mir ungefragt dein WLAN-Passwort, und mir wird warm ums Herz.“ – eigentlich satirisch, aber tatsächlich wunderschön. :)

    Sprache ist eine faszinierende Sache. Verändert sich parallel zur Welt und erklärt uns diese…

  2. Francesca hat kommentiert:

    Dieser Artikel ist ja satirisch gemeint aber im Grunde ist es Heute mehr oder weniger so geworden, dass wenn man sein „online Lebensraum“ teilt auch man dazu vorbereitet ist sein reeles Leben zu teilen.

    Es gibt ja auch sehr viele Paare die sich auf dem Internet kennengelernt haben und sogar Online Sex miteinenader haben bevor sie sich persönlich treffen.

  3. JennaWa hat kommentiert:

    Stimmt, in Zeiten von Social Media ist es leicht jemanden kennen zu lernen. Es ist aber auch leicht sich Fleshlights günstig zu ordern, und damit unabhängig zu sein. Und wenn man mal Fleisch statt Künstlichem haben will, kann ich mir immer noch nen Mann mit nach Hause nehmen

  4. Kinesiologie hat kommentiert:

    Es ist durch Social Media sehr leicht heute jemanden kennenzulernen. Die Anonymität ist ja auch nicht mehr das was es mal war im Internetzeitalter… Na ja (fast) alles hat ja seine Vor-und Nachteile.
    Liebe Grüsse J.L

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